William Radice       Caroline Saltzwedel

Buchpräsentation „the dancing mouse“

Hamburg 16. Juni 2008

 

[Einführung Martin Kämpchen]

 

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Es ist schon etwas Besonderes, wenn ein britischer Lyriker in Hamburg ein neues Buch mit Gedichten vorstellt. Schon in dieser ersten Auflage erscheint es zudem zweisprachig, nämlich Englisch und in deutscher Übersetzung, sowie mit Holzschnitten einer britischen Künstlerin. Dieses multimediale und multinationale Projekt ist entstanden – wie viele Projekte mit jenem reizvollen Duft der Originalität, die nach keiner Kommerzialisierung schielt – nämlich durch Freundschaft. Der britische Lyriker William Radice und die Künstlerin Caroline Saltzwedel sind sich begegnet, haben Gemeinsamkeiten entdeckt und sich entschlossen, etwas zusammen zu erschaffen. In diesem Fall haben die ursprünglichen englischen Gedichte von William Radice zwei weitere Gesichter durch Frau Saltzwedel erhalten, nämlich ein deutschsprachiges Gesicht und ein künstlerisches Gesicht durch ihre Holzschnitte. Das erinnert mich natürlich an den dreigesichtigen Gott in der indischen Mythologie, an die Trimurti.  In aparter Weise ist dieser Gedichtband eine Trinität aus zwei Sprachen und Bild, um dieses Eine und Gemeinsame menschlicher Inspiration zu feiern.

 

Wieso komme ich auf Indien? Begegnet bin ich William Radice zum ersten Mal vor über zwanzig Jahren in der kleinen Universitätsstadt Santiniketan, unweit der indischen Metropole Kalkutta. Bekannt – nein, berühmt! – ist William besonders eben in Indien als der erste ernstzunehmende Übersetzer von Rabindranath Tagores Gedichten vom Bengalischen ins Englische. Seine „Selected Poems of Rabindranath Tagore“, erschienen im besten englischsprachigen Taschenbuchverlag, Penguin Books, hat vor zwei Jahrzehnten eine regelrechte Tagore-Renaissance ausgelöst, und zwar in Indien nicht minder als in Europa. Zum ersten Mal nämlich sind die sehr wandlungsfähigen, vielfältigen, aber im Gefühlshaushalt strengen Gedichte des großen indischen Nationaldichters Tagore als kongeniale Gedichte ins Englische übertragen worden, nicht wie bisher als Prosa-Paraphrasen oder als bloße Inhaltsangaben in Versform. Vom bengalischen Gedicht Tagores wurde von Radice eine zweites, nämlich englisches, Gedicht geschöpft! Zusammen mit umfassenden Einleitungen und Kommentaren zu jedem Gedicht zeigte er einen neuen Ernst, diesen Dichter der Weltliteratur für die Weltliteratur zu retten. Das war eine Herausforderung für den Philologen William Radice, der an der Universität London, genauer, an ihrer School of Oriental and African Studies, Bengalisch lehrt. Das war aber auch eine Herausforderung für den Lyriker William Radice, der schon damals Lyrik schrieb und veröffentlichte. Er verstand die Übersetzungen Tagores als Dienst des Lyrikers an einen Lyriker.

 

Danach haben sich Begegnungen mit William in London, Oxford und seinem Domizil in Northumberland, in Kalkutta und Edinburgh, in Darmstadt, Mainz, München und meiner rheinischen Heimatstadt Boppard angeschlossen. Als letzten September meine Mutter starb, kam er spontan nach Deutschland geflogen, um sie mitzubegraben. Daß ich heute hier stehe und William Radice einführe, ist auch ein Zeichen unserer Freundschaft.

 

Im Laufe der Jahre sind aus der Ur-Begabung der lyrischen Rede unterschiedliche Triebe gesprossen. Williams Liebe zur Musik machte ihn zum Librettisten; so schrieb er eine Oper auf der Grundlage einer Ballade von Rabindranath Tagore. Diese Oper, „Snatched by the Gods“, ist auch in München aufgeführt worden. Seine Redebegabung machte ihn zum Vortragenden in zahlreichen Ländern. Hierbei müssen wir ihm danken, daß er den Mut besitzt, diese Gabe nicht nur der akademischen Gemeinde, aus der er stammt, zur Verfügung zu stellen. Obwohl streng und redlich als Indologe und Bengalist, hat er es stets als seinen pädagogischen Auftrag empfunden, ein nicht-spezialisiertes Publikum anzusprechen. Seine Vorträge versuchen, allgemeinverständliche Brücken zu schlagen von der bengalischen Kultur zu kulturellen Anliegen in Europa. Williams erstaunliche Neugier möchte seinen indologischen Fachbereich sowie seine Lyrik mit so vielen Wissenszweigen in Verbindung bringen wie möglich, vor allem mit den Naturwissenschaften. Auch die Gedichte seines neuen Bandes profitieren von seiner naturwissenschaftlichen Beschäftigung.

 

Sein Genie für Sprachen hat ihm gewiß am meisten dabei geholfen, die Welt zu verstehen und die Welt durch seine Lyrik, seine Essays und Übersetzungen für andere erfahrbar zu machen. William Radice bewegt sich nicht nur kompetent im Bengalischen, sondern ebenso in mehreren europäischen Sprachen und so auch im Deutschen. Er hat zwei Bücher aus dem Deutschen ins Englische übersetzt, nämlich einen Band mit Erzählungen und einen Roman.

 

Lesen und hören wir die Gedichte der „dancing mouse“, die uns heute gewissermaßen auf die Hand springt, können wir erfassen, wie viel an fremdsprachiger Assoziation in sie eingeflossen ist. William Radice ist ein poeta doctus, der seine Lyrik mit Anspielungen auf Lektüre, mit Hinweisen auf Sprachen und den Naturwissenschaften durchwirkt. Darin gleicht er etwa den deutschen Lyrikern Paul Celan und Hans Magnus Enzensberger. Es ist darum ein Glücksfall, daß die Originale mit einer deutscher Übersetzung erscheinen. Durch den Vergleich, durch das spielerische und assoziationsfreudige Springen von einer Sprache zur anderen gewinnt das Original eine zusätzliche Reflexionsebene. Wir können im Prisma der Übersetzung das Original und die Übersetzung im Prisma des Originals auf uns wirken lassen. Es ist, als werde neben den zahlreichen Spiegeln, die der Dichter schon in seinen Gedichten einsetzt, nun ein großer Spiegel davorgestellt, der das Gesamte noch einmal spiegelt. Wer mit Spiegeln experimentiert, weiß, daß schon drei Spiegel, strategisch zueinandergestellt, die Illusion endloser Räume hervorruft.

 

Ich konnte verfolgen, wie diese Übersetzung in einem langen Dialog zwischen Lyriker und Übersetzerin, unterstützt von zwei Freunden, Hannah Thompson und mir, in einem ausgedehnten Klärungsprozess ihre endgültige Gestalt annahm. Die Gedichte sind streng gebaut – wozu der Lyriker selbst etwas sagen wird; sie sind knapp, gegliedert in kurze Zeilen und zeilenübergreifenden Sinnabschnitten. Dies verbunden mit dem Verzicht auf Interpunktion gibt den Gedichten etwas Flüchtiges, Wehendes, Filigranes, Kaum-Faßbares. Ihr Ausgangspunkt ist meist eine Alltagserfahrung, ein Augenblickseinfall – ein sinnenhafter oder mentaler Schnappschuß. Was dieser Schnappschuß einfängt, mag unbedeutend, kaum bemerkenswert sein. Doch durch die flüchtige, wehende, filigrane, kaum-faßbare Gestaltung dieses Schappschusses im Gedicht verwandelt sich dieses Unscheinbare in ein glitzerndes, glänzendes, eben sich vielfach spiegelndes Etwas und gewinnt dadurch Bedeutung und Merkwürdigkeit.

 

Die Übersetzung ist natürlich ganz die Handschrift der Übersetzerin Caroline Saltzwedel. Sie wollte auch diese Unabhängigkeit, wie sie dem Original dienen sollte. Während ich in Indien die eMail-Korrespondenz zwischen den beiden verfolgte, merkte ich, wie kompliziert es ist, solche Luftgebilde, wie sie William geschaffen hat, in deutsche Luftgebilde zu verwandeln. Ein neues Assoziationsfeld mußte geschaffen werden, primäre, sekundäre und tertiäre Bedeutungen mußten erkannt werden und dann mußte entschieden werden, welche von ihnen in deutscher Sprache übertragbar sind, welche Bedeutungsebenen und Anklänge dafür aufgegeben und durch welche andere ersetzt werden konnten. William nahm mit seiner erstaunlichen Einfühlung in die deutsche Sprache, unterstützt von Hannah Thompson, an der Diskussion um die Wahl von jedem Wort teil. Wobei nicht einmal so schwierig war, stets dieses eine Wort zu bestimmen, das das Original am besten traf. Sondern schwieriger war gewiß, jedem übersetzten Gedicht jenes Equilibrium von Klang, Rhythmus und Bedeutung einzuhauchen, so daß es auch, wie das Original, in der Luft zu schweben verstand. Zu den Holzschnitten kann ich noch nichts sagen, weil ich sie nicht kenne. Sie werden selbst entscheiden, ob sie die Gedichte eher herabziehen und erden, oder vorantreiben und höher hinaufreißen in die Atmosphäre.

 

Ein kleines Gesamtkunstwerk ist entstanden. Wie gut, daß es solche Gesamtkunstwerke heute noch gibt, die eben nicht an den Hauptstraßen des Kommerzes bestehen wollen. Wie gut, daß es Menschen gibt wie Sie, die den Wert und die Notwendigkeit solcher Gesamtkunstwerke einsehen und zusammenkommen, um sie zu feiern.

 
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